Achim H. Pollert: Der Playboy und die guten Artikel...
Von: profitexter@lycos.com [Profil]
Datum: 30.04.2008 17:40
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Newsgroup: at.gesellschaft.politik
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DER PLAYBOY UND DIE GUTEN ARTIKEL... Achim H. Pollert (*) über Sport und Politik Es ist sehr lange her. Ich sass in Zürich im Tram auf dem Heimweg von der Bank. Mir gegenüber sass Jasmin, eine Mitarbeiterin aus der Telefonzentrale. Und wir unterhielten uns recht angenehm. Dabei fiel ihr Blick immer wieder auf den kleinen Stapel von Habseligkeiten, den ich so neben mich auf den Sitz gelegt hatte. Erst nachdem wir eine Weile miteinander gesprochen hatte, wurde mir klar, warum die junge Dame sich immer wieder von diesem kleinen Stapel an meiner Seite angezogen fühlte. "Ach ja", sagte ich und deutete auf die Titelseite des Herrenmagazins, das ich gerade vorher am Kiosk gekauft hatte, "das ist der Playboy. Ich kaufe das Heft ja nur wegen den nackten Frauen, nicht wegen den Artikeln..." Jasmin lächelte säuerlich. Sie war sich nicht so recht darüber im klaren, was sie von diesem meinem Spruch halten sollte. Immerhin hörte sie wohl täglich mehrfach das Gegenteil. Immerhin war damals noch die Zeit, in der die Leute die Boulevard-Zeitung oder eben das Erotik- Magazin in die "Welt" oder die "Neue Zürcher Zeitung" einpackten. Und jetzt ich... Von dem Augenblick an vermied Jasmin, noch einmal einen Blick auf den Stapel neben mir zu werfen. Möglicherweise fragte sie sich ja auch, ob sie hier so einen rechten Lustmolch kennengelernt hatte, dem diese Aussage mit den nackten Frauen statt der guten Artikel todernst war. Oder wollte ich sie einfach nur verarschen? DUERRENMATT Wenn ich mich recht erinnere, dann enthielt dieser Playboy mit dem ziemlich nackten Abbild einer damals sehr bekannten Schauspielerin auf der Titelseite ein Interview des politischen Autors Rolf Hochhuth mit dem Literaten Friedrich Dürrenmatt. Wenn ich mich recht erinnere, befanden sich damals reichlich solche Beiträge in dem Magazin. Jeden Monat. Nun weiss ich natürlich nicht, ob Friedrich Dürrenmatt damals ein Sexualleben hatte. Aber ich glaube nicht, mich an entsprechende Ausführungen von ihm darüber zu erinnern. Und wenn ich mich recht entsinne, dann äusserte sich Friedrich Dürrenmatt damals zu einer politischen Frage, die die Menschen seinerzeit sehr bewegte. Es ging konkret darum, dass die damalige Sowjetmacht Afghanistan besetzt hatte. Die Rote Armee war in das südlich angrenzende kleine Land eingerückt und hatte dort ein kommunistisches Marionetten-System installiert. Derweil, so unsere Vorstellungen, sassen die Afghanen mit Turban und Vollbart in den unwegsamen Berggebieten und schossen auf die russischen Patrouillen – und zwar mit Schwarzpulver-Vorderladern. Der damals neu gewählte amerikanische Präsident Ronald Reagan nahm nun diese Besetzung eines kleinen Landes zum Anlass, um zu einem Boykott der Olympischen Spiele aufzurufen, die 1980 in Moskau stattfanden. Aus Protest gegen die Besetzung Afghanistans sollte die westliche Staatengemeinschaft auf die Teilnahme an der Olympiade verzichten. Und das, weniger Afghanistan, liess seinerzeit die Volksseele gehörig hochkochen. Dazu befragt, was er denn dazu meine, sagte Friedrich Dürrenmatt damals – ob nun im Playboy oder woanders, ist ja eigentlich egal -, er wäre sich bewusst, dass er sich mit seiner Sicht der Dinge von der Mehrheitsmeinung unterscheidet. Aber für ihn wären da nicht die Russen die Gefahr. Vielmehr würde für ihn der Islam die grosse irrationale, fundamentalistische Herausforderung der Gegenwart darstellen. Und somit – Kommunismus, Diktatur, Militärgewalt hin oder her – wäre das Handeln der Russen immerhin irgendwie verständlich. Denn man könnte wohl nicht tatenlos zusahen, dass da eine Bande von religiös Radikalen ein menschenverachtendes mittelalterliches Regime errichtet. Also eher eine Polizeiaktion, für die der Westen auch irgendwie dankbar sein könnte... Jedenfalls habe ich es damals so verstanden. UND HEUTE' Wahrscheinlich geht es mir heute so wie damals dem Dürrenmatt. Mir ist eigentlich so etwas von egal, wer nun unter welcher Flagge in Peking oder sonstwo versucht, am weitesten zu hüpfen. Interessant und als Denkanstoss wertvoll finde ich nur den Vergleich über die 30 Jahre hinweg. Wer will denn heute die Olympischen Spiele boykottieren? Aus welchem Grund? Und wer hat heute Afghanistan besetzt? Aus welchem Grund? Und hat der Dichterfürst denn schlussendlich über die Jahrzehnte hinweg recht behalten? Schon wieder genug Stoff für Debatten! --- (*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter Er ist Autor des Sachbuchs ”Schreiben Sie geil – ein Leitfaden für sauberes Deutsch in der Praxis”, zu beziehen unter http://www.bams.ch/poll ert/default.html[ Auf dieses Posting antworten ]
